Klezmer

Klezmer

Zwischen Volksmusik und World Music
Von Christian Dawid

Klezmermusik ist die traditionelle Tanz- und Ritualmusik der Juden Osteuropas. Aus dem Rheinland, als ihrem ersten europäischen Siedlungsort kommend, gingen die aschkenasischen Juden ab dem 13. Jahrhundert nach Galizien, Bessarabien, der Bukovina, Transsylvanien, Moldawien, Russland, der Ukraine, Litauen…, in ihrer ganzen östlichen Heimat schufen sie eine Musik, die dem örtlichen Leben entsprang und zugleich in der vieltausendjährigen Geschichte des jüdischen Volkes wurzelt, Ausdruck einer Lebenskraft, wie sie nur im Exil entsteht, Spiegel einer Weisheit und Innigkeit, die aus der Verbindung irdischer Lebensfreude und tiefer Reliogiosität wächst: Eine musikalische Hochzeit von Himmel und Erde.

In den letzten Jahrzehnten hat Klezmermusik besondere Aufmerksamkeit erfahren und eine bemerkenswerte Entwicklung durchlaufen. Sie ist eine Musik mit weit zurückreichenden Wurzeln, ihr modernes Klangbild aber wurde durch eine Besonderheit geprägt: die geografische Heimat ging ihr verloren, die Tradition weist Risse auf. Die Volksgemeinschaft, die sie schuf, wurde vom Boden vertrieben, auf dem ihre Musik wuchs: eine Kultur, einst schon in der Diaspora entstanden, wurde wiederum entwurzelt. 

Ab den 1880er Jahren emigrierten große Teile der jüdischen Bevölkerung Osteuropas, zumeist in die USA. Diese Emigranten, oft noch halbe Kinder, strebten notgedrungen nach schneller Assimilation. Die Musik, die sie mitbrachten, verlor bald ihre rituelle Bedeutung im Gemeinschaftsleben, so wie sich das Leben der Gemeinschaft selbst veränderte. Das in Amerika überaus beliebte jiddische Theater und die jüdischen Tanz- und Showkapellen pflegten einen Musikstil, der eine retrospektivische und romantisierende Funktion hatte- Vaudeville und Broadway beeinflussten jiddische Musik nun stärker als die einstmals präsenten Rituale der osteuropäischen Lebensgemeinschaften. Wer es geschafft hatte, wollte amerikanisch leben- und wer die alte Welt vermisste, dem gestattete Amerika nur einen sentimentalen Rückblick. Was dagegen in Osteuropa an jiddischer Kultur verblieb, wurde später von Hitlers Deutschland fast vollständig vernichtet.

In den 1970er Jahren interessierten sich mehr und mehr junge, jüdische Amerikaner für die Sprache und Musik ihrer Groß- und Urgroßeltern. Ihre Spurensuche manifestiert sich im sogenannten „Klezmer-Revival“, das in den 1980ern in die ganze westliche Welt getragen wurde. Es war schwierig, das Vokabular der alten musikalischen Sprache zu erlernen: 50 Jahre lang war Klezmermusik zunehmend geringer geschätzt und schließlich nur noch sporadisch gespielt worden. Es gab kaum Musiker, die die Musik in ihrer Jugend als Teil ihrer Identität gelernt, dann ein Leben lang gespielt und kontinuierlich weiterentwickelt hatten. Klezmermusik war beinahe so etwas wie ein Relikt aus alten Zeiten, das als Tradition nur noch rudimentär weitergegeben werden konnte.

So gingen die Musiker des ausgehenden 20.Jahrhunderts daran, aus beinahe verschütteten Quellen, alten Büchern, historischen Plattenaufnahmen und dem Wissen und Können der wenigen old guys einen Musikstil zu rekonstruieren und in unsere Zeit zu übertragen. Ein faszinierender und einzigartiger Prozess, der zu einer Fülle verschiedenster Interpretationen und Spielarten von Traditionalismus bis zur Radical Jewish Culture führte.

Inzwischen ist Klezmermusik ein eigenständiges und akzeptiertes Weltmusikgenre. Ihre Funktion als rituelle Musik blieb bei der Rekonstruktion weitgehend verschüttet, auch wenn sie mehr und mehr wieder ein Teil von jüdischen (und in Europa vor allem nichtjüdischen) Festen wurde.
Dafür hat sie, zeitgemäß, die Konzertpodien erobert: zwar gab es auch in vergangenen Jahrhunderten Klezmermusik als hochgeschätzte Kunstform, deren beste Interpreten als respektierte Solisten wie in westlich-klassischer Musik gefeiert wurden- die meisten Klezmertöne dürften dennoch auf dörflichen Hochzeiten erklungen sein.
Heute haben sie unwiderruflich den Weg in die Konzertsäle gefunden.

www.christiandawid.com

© Georg Brinkmann 2014